Napoleon: Turnierängste…Teil 2
Es war die zweite Operation Napoleon. Ich war in der letzten Woche oft bei ihm gewesen und hatte mit ihm na ja wie sollte ich sagen, es gab nur einen Ausdruck dafür. Ich hatte mit ihm geredet, sein Vertrauen noch mehr versucht aufzubauen. Heute war es wieder soweit, ich wusste ehrlich gesagt noch nicht wirklich was genau ich vorhatte. Vielleicht würde ich doch anfangen in die Konfrontation überzugehen, oder aber ich blieb bei dem bestehenden Band zwischen uns. Der Versuch Napoleon sein Selbstbewusstsein zurück zu geben. Aber das war eine Vermutung, ob es nun wirklich so war konnte sich erst herausstellen wenn ich an dem Punkt angekommen war, wenn wir zusammen auf einem Turniergelände standen. Die ganze letzte Nacht war ich wach geblieben, hatte uralte Bücher studiert und im Internet nach antworten gesucht. Am liebsten hätte ich Monty Roberts persönlich angerufen und gefragt wie man einem Pferd seine innere Stärke zurückgeben konnte. Aber die Leitungen waren leer. Ich merkte Stunde für Stunde wie meine Augen mehr aufschwellten und zufallen wollten. Sie wollten mich in die Knie zwingen und siegen. Aber ich hielt stand und saß bis morgens um 7 Uhr am Labtop, vor offenen Büchern und las. Las immer weiter ohne eine Antwort zu finden. Mir blieb nichts anderes mehr übrig als meinem Instinkt zu folgen. Dem Instinkt jedes Pferdeflüsterers. Improvisation und Einsatz war gefragt. Ja das war die Wahrheit von Pferdeflüsterern. Glaubt bloß nicht das sie sich alle an die Bücher hielten, das sie genau das taten was in dem Buch ,, Die Seele der Pferde“ stand, oder was sie auf Seminaren lernten. Es waren nur Möglichkeiten, aber man musste letzt endlich seine eigene Methode zusammenstellen. Sie musste sich dem Pferd anpassen und schließlich wirken. Ich tippte mit dem Stift gegen die Arbeitsfläche und hatte mich an das regelmäßige Schnurren des Labtops gewöhnt. Niemand sollte glauben das Pferdeflüsterer ein leichter Beruf war, es war wie Krimieloge zu werden. Man musste studieren, erforschen und seinen Fazit ziehen und ein Gegengift entwickeln. Bei Krimielogen führte es zum Täter bei mir zur Heilung einer Angst. Aber Schluss mit dem philosophieren und rumlabern, ich stand von dem Schreibtischstuhl auf, reckte mich und hörte wie jeder einzelne Wirbel sich einrenkte und laut knackste. Luna schlief neben dem Schreibtisch und schnarchte laut, die Anderen Beiden lagen wahrscheinlich im Wohnzimmer und waren ebenfalls noch im Tiefschlaf gefangen. Nur ich war wach, selbst Phillip schlief noch, wenn er die Nacht überhaupt nach Hause gekommen war. So genau wusste ich das nicht, ich war zu vertieft gewesen.
Bei dem Blick in den Spiegel erschrak ich nicht, es war mir mittlerweile gewohnt zu sehen wie ich nach einer Nacht des Durchmachens aussah. Diese Nächte häuften sich, aber für mich nichts weiter als ein Tag der zu Ende ging, wieder anfing nur ohne Schlaf. Ich kannte dieses Gesicht schon viel zu gut und wusste auch genau, es gab nur ein einziges Medikament das dagegen half. Schwarzer, pechschwarzer Kaffee.
Ich stürzte mich wie ein hungernder Löwe auf die Tasse und zog es in einem Schluck durch. Ich hüpfte unter die kalte Dusche, die heute Morgen erfrischend war. Ich wusste ganz genau ein heißer Tag stand an. 30 Grad im Schatten und viel zu hohe Sonneneinstrahlung. Tolle Voraussetzungen für einen Arbeitstag. Napoleon und ich hatten danach eine heftige Dusche verdient.
,, Hallo Du!“, begrüßte den schwarzen Hengst und zog ihm das Halfter über. Er war noch etwas müde, aber was solls, besser zu früh als zu spät zur Arbeit gehen. Okay es war jetzt 10 Uhr, aber ich würde ihn schon noch wach kriegen, da war ich mir ziemlich sicher.
Ich schloss die Boxtür und band ihn in der Stallgasse an. Wir wollten nun mal nicht gleich in die Hitze da draußen, sondern genossen noch diese kühle Luft eines Steingebäudes und ich genoss den morgendlichen Geruch von Pferden und frischem Stroh. Die Stallburschen waren wohl schon da gewesen. Ich fing an Napoleon zu putzen, viel war da nicht zu tun. Nur schnell drüberputzen und den Staub von der Nacht rausputzen, dann noch die trockenen Hufen auskratzen und das war es auch schon. Ich hatte heute Morgen noch eine extra Ausrüstung fertig gestellt. In der Tüte die neben Napoleon stand waren Glocken, Toröten, Aufnahmen von Rennen, Menschen, Lachen und vielem mehr. Ich nannte sie die ,, Laute von Turnieren Ausrüstung“ Vor einigen Jahren hatte ich sie mal zusammengebastelt und auf CDs rübergespielt. Damals als ich in Ausbildung war hatte ich einen ähnlichen Fall, aber da wurde mir noch ziemlich geholfen von meinem Mentor: David Williams
Er war ein toller Kerl gewesen, groß, schlank. Diese Art von Männern die alt waren und trotzdem noch etwas Anziehendes ausstrahlten. Schwarze Haare, braune Augen. Damals war er 38 gewesen, mittlerweile vielleicht um die 41. Ja genau ich hatte mit 16 angefangen die Seele von Pferden zu studieren und liebte diesen Beruf, der eigentlich kaum Aussichten auf Karriere hatte. Aber siehe da hier stehe ich und Napoleon starrte mich an, während ich einige Gedankengänge durchlief. Sein Zupfen an meiner Hose holte mich wieder zurück und erinnerte mich an das Hier und Jetzt.
,, Tut mir Leid Großer! Na los, gehen wir in die Halle, da schallt es besser.“, eigentlich fies das zu sagen, aber es war eben die Wahrheit. Und siehe da ich hatte mich für die Gegenüberstellung seiner Angst entschieden, gegen den Vertrauensgewinn.
Napoleon ahnte nichts, wie auch. Lara war nie mit ihm auf einem Turnier gewesen und wenn sie zusammen in diese Halle gingen dann zum trainieren, oder reiten. Aber niemals um seiner Angst entgegen zu treten. Eigentlich hätte ich auf ein Turniergelände gehen sollen, ein richtigem mit Tribüne und so weiter, aber ich glaubte einfach nicht, dass es wegen der Umgebung war. Ich glaubte es war wegen den Lauten, das er sich leicht ablenken ließ und sein Vertrauen an ihn selbst verloren ging, wegen der Angst, dem Druck perfekt zu sein. Aber das würde sich ja gleich heraus stellen. Ich ließ ihn erst einmal frei, er blieb neben mir stehen, folgte meinen Bewegungen und Blicken. Ich baute die eigentliche Bedrohung erst auf. Ich hatte die Idee aus einem Film. ,, Stripes“, wenn es keiner kennt. Ein Zebra das ein Rennpferd sein wollte, jedoch vor der Startbox Angst hatte und sein Trainer baute rings um ihn herum Geräusche auf, einfache Dinge. Klappern von Hufeisen, Glöckchen und so weiter, hängte es neben die Startbox und trainierte ihn darauf sich nur auf sich selbst zu konzentrieren und genau das Selbe hatte ich vor. Das Monster stand und ich hatte eine Art Gefängnis aufgebaut. Ich führte Napoleon in das umzäumte „Gehege“ und nur ein dünnes band dient dazu das Quadrat zu schließen. Wenn Napoleon Panik bekam hatte er immer noch die Möglichkeit zu fliehen. Ich startete den ersten Player, ein einfaches Klatschen, dann ein Lachen, ein Gemurmel. Hufgetrappel und schließlich rüttelte ich an den Bändeln die ein lautes Krachen von Glocken und anderen Lauten erzeugte. Ich beobachtet Napoleon messerscharf und er schaute um sich herum und spannte seine Muskeln an. Er zappelte herum und fing an in jede Ecke zu schauen. Wo kam das Geräusch her? Dachte er sich und dann wurde ich lauter. Er geriet in Panik und brach aus, genau das was ich erwartet hatte. Er riss das Absperrband durch und rannte durch die Halle, auf der Suche nach einem sicheren Ort. Einen Ort wo die Geräusche verstummen würden und er alleine in der Dunkelheit, umringt von Stille zurück bleiben würde.
Ich stoppte die Musik und die Laute und ging in die Mitte der Halle. Napoleon stand ängstlich in der Ecke und schnaubte.
,, He Kleiner.“, er hob den Kopf und ich blickte in seine aufgerissenen Augen. Irgendwie erschrak es mich, ich weiß nicht. Ich hatte schon viel gesehen, aber das berührte mich innerlich und brachte mich sogar in Verlegenheit. Ein Pferd mit solchen Augen. Meine Stimme wurde ruhiger und sanft.
,, Na komm her Napoleon! Ist okay, es ist weg. Die Stimmen sind weg….“ Ich glaube jeder Pferdebesitzer der ein Pferd so sehen konnte wusste genau was war. Er hatte Todesangst und damit meinte ich auch TODES….angst. Es schien als ob der starke Napoleon wie ich ihn kennen gelernt hatte, wie jeder ihn auf der weide sah, zusammengebrochen wäre. Zurück blieb ein Häufchen Elend das solche Angst hatte und nicht mehr aufstehen wollte. Ich blieb eine ganze Weile neben ihm knien, bis er sich wieder erholt hatte und ich ihn anfing zu streicheln. Es war eine einzige Berührung, die sagte: ,, Du bist in Sicherheit, ich bin jetzt hier….“ Er legte seinen Kopf in meine Hände und schnaufte. Es dauerte noch eine Weile, bis er sich erholt hatte und dann liefen wir aus der Halle in die brühende Hitze nach draußen. Ich lief mit ihm noch etwas über den Hof und merkte wie er langsam wieder der Alte wurde. Ich spritzte ihn ab und ich selbst verpasste mir eine kleine Dusche. Im Stall zurück schaute er mich durch die Gitter hindurch an.
,, Ich hoffe du weißt das ich hier bin um dir zu helfen, aber ich kann dir eins sagen Napoleon es ist noch nicht vorbei, okay? Hörst du das dauert jetzt einfach seine Zeit. Aber ich gebe dir mein Wort ich helfe dir, egal wie viel Zeit ich dafür brauche.“ Er blickte nach unten und ließ den Hals hängen. Ich lobte ihn.
,, Du verstehst mich ganz genau!“, stellte ich fest und kehrte ihm den Rücken zu. Ich blickte auf die Uhr. 12 Uhr, höchste Zeit um mit den Hunden zu gehen. Aber dazu musste ich erst einmal nach Hause fahren….
